Über die Tradition des Schnitzens im Ahrntal

Die "Machkammern"

Die Ahrntaler Bauern blieben auf Grund ihrer abgeschiedenen geografischen Lage bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein Selbstversorger. Die Abgeschlossenheit "von der Welt", aber auch der Mangel an Bargeld zwang sie, handwerkliche Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln und zu pflegen. Machkammer im Museum MaranathaAlle Arbeitsgeräte mussten selbst angefertigt werden, und so waren bei den Bauern vor allem jene Knechte gefragt, die "machen" konnten, also jene die handwerklich geschickt waren.


Auf beinahe jedem Hof gab es einen Raum, der mit reichhaltigem Werkzeug ausgestattet war, die "Machkammer". In ihr wurden die Arbeits- und Haushaltsgeräte aus den verschiedenen heimischen Holzarten hergestellt: Holzbestandteile der Pflüge, Eggen, "Arzschlitten" (Arz = Erz, Schlitten zum Erzziehen), Windmühlen, Buckelkraxen, Körbe und die "Ferggl" (Holzschlitten zum Heuziehen), ebenso die verschiedenen Stiele für Äxte und Beile, Sensen und Hauen, Besen, Dreschflegel, Rechen und Gabeln. Nur im Winter arbeitete man lieber in der warmen Stube, dem einzigen beheizbaren Raum auf den Bauernhöfen.


Die Machkammern können als der Ausgangspunkt für die Entwicklung des Kunst- und Schnitzerhandwerks angesehen werden.TeufelmaskenIn vielen dieser Räume stand eine Drehbank, an der die Bauern und Knechte handwerklich - künstlerisch tätig wurden. Sie drechselten Gefäße für die Milchverarbeitung: große, flache Milchschüsseln aus weichem Zirbenholz, Teller, Butterrollmodeln und Wetzsteinkümpfe, und manche, künstlerisch veranlagte Bauern verzierten sie mit Schnitzwerk und Kerbschnitt. Auch mit Schnitzereien verzierte Truhen und Kästen stellten manche selbst her. Besonders talentierte Männer schnitzen auch Kruzifixe für den Herrgottswinkel und die Feldkreuze, ebenso Heiligen- und Krippenfiguren. Für die Tradition der Fastnachtspiele entstanden furchterregende Teufels- und Hexenmasken.

Anfänge des gewerblichen Schnitzens

Steger Josef beim Schnitzen einer Krippe

Anfänge des Tourismus hatte es bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegeben, bevor die Zeit des Krieges und des Faschismus alles wieder unterbrach. Die Anfänge des gewerblichen Schnitzerhandwerks können in den 50er und 60er Jahren angesiedelt werden, als wieder Touristen durch das Ahrntal wanderten. Manche Touristen erkannten den Wert der originellen bäuerlichen Schnitzereien und kauften erste Stücke. Einige findige Ahrntaler Bauern erkannten die Chance und begannen die Holzschnitzerei als Nebenverdienst zu entdecken. In der Ortschaft St. Jakob waren es z. B. Hermann Reichegger vom "Matziler", der eine zwölfköpfige Familie zu ernähren hatte und Steger Josef vom "Neuhaus".

Die Schnitzschule

Das Beispiel machte Schule. Das Ahrntal war damals ein wirtschaftlich sehr schlecht entwickeltes Gebiet, und viele Ahrtaler mussten ihre Heimat verlassen um anderswo eine Existenzgrundlage zu suchen. Diesen Zustand wollte man ändern, und so wurde auf das Bemühen einiger Landespolitiker hin im Jahre 1973 in St. Jakob eine Schnitzschule ins Leben gerufen.


Die Anfänge waren sehr bescheiden. Der einzige Raum, das von Pfarrer Karl Engl 1935 erbaute "Pfarrschulhäusl", wurde entrümpelt, Hobelbänke, Werkzeug und Zirbelholz wurden angekauft. Aus Mangel an ausgebildeten Schnitzlehrern musste man anfangs auf die einheimischen "Künstler" zurückgreifen, auf den oben genannten Steger Josef, vom "Neuhaus" und auf den Kunsttischler Heinrich Eder vom "Bixner" in St. Jakob. Voller Elan nahm man mit 15 einheimischen Schülern aller Altersstufen die Arbeit auf. Lehrmittel waren kaum vorhanden, und so behalf man sich anfangs damit, dass man sich bei den Bauern und in den Kirchen Modelle lieh: Hl. Floriane, Kruzifixe, Krippenfiguren, Fastnachtsmasken, Wappen und mit Schnitzereien verzierte Truhen. Ab dem zweiten Jahr leitete ein ausgebildeter Bildhauer die Schnitzschule.


Im Schuljahr 1986/87 zog die Schnitzschule in ein neues, schönes Gebäude neben der Volksschule St. Jakob um.
Die Ausbildung eines Schnitzers umfasst heute drei Jahre Vollzeitschule, an der die Fächer Freihandzeichnen, Modellieren, Schnitzen, Fachkunde - Holz (mit Tischlerpraxis) und Kunstgeschichte unterrichtet werden. Derzeit schließen jährlich sieben bis zwölf Schüler die Schule ab. In der Schnitzschule wurden inzwischen mehr als 300 Absolventen ausgebildet. Aus ihr sind Restauratoren, Kunsttischler, Maler, Schnitzer, selbständige Bildhauer und auch Künstler hervorgegangen. Im Ahrntal haben einige Schnitzer eigene Betriebe gegründet, auch der Betrieb "Südtiroler Kunsthandwerk" und das Krippenmuseum "Maranatha" des Paul Gartner sind aus der Schnitzschule erwachsen. Andere Absolventen der Schnitzschule üben den Beruf des Schnitzers nebenberuflich oder auch hobbymäßig aus.


Im Jahre 1999 wurde die Schnitzschule nach Bruneck ausgesiedelt, und in den letzten Jahren schreiben sich leider immer weniger Schüler ein. In welcher Form die Schule weiterleben wird und ob sie wieder ins Ahrntal zurückkehrt ist zur Zeit noch ungewiss. Die Tradition des Schnitzens im Ahrntal wird aber sicherlich weiterleben. (Text: Steger Konrad)